Liqueure
Für die Stunde, die in keinem Kalender steht. Wenn der Teller weg ist, das Gespräch langsamer wird und keiner aufsteht.
Born after Dark
Das Regal
Für diese Stunde gibt es das Regal.
Apothekerflaschen, klar wie Fensterglas.
Kein braunes Glas, das etwas verbirgt.
Kein Etikett, das den Inhalt erklären muss.
Man sieht die Farbe, bevor man den Namen liest.
Gold. Grün. Schwarz. Bernstein.
Jede steht für sich, und keine sieht aus wie die daneben.
Das ist der ganze Trick der Apothekerflasche.
Sie wurde nie gebaut, um zu verstecken.
Sie wurde gebaut, damit man sieht, was man bekommt.
Vor der Entscheidung
Man geht am Regal entlang und schaut,
nicht auf die Namen, sondern auf die Farben.
Eine sieht aus wie Honig, den man gegen das Licht hält.
Eine wie Espresso in einem sehr dünnen Glas.
Eine, als hätte jemand einen Sommer eingekocht.
Man greift nicht nach dem, was man kennt.
Man greift nach dem, was zum Abend passt.
Das ist der Unterschied zwischen einem Vorrat und einer Auswahl.
Die Zeremonie
Ein Griff, ein Glas, ein Abend, der noch nicht vorbei ist.
Kein Ritual, das man erklären müsste.
Keine Regel, an die man sich halten muss.
Und das Regal bleibt offen.
Es gibt mehr solcher Stunden, als Flaschen darin stehen —
und für jede, die dazukommt, ist Platz.
Born after Dark.

